Ani (historische Stadt), die Stadt der tausendundein Kirchen: Ruhm und Widerstandskraft der ehemaligen armenischen Hauptstadt
Aus dem Französischen übersetzt
Auf einem dreieckigen Felsvorsprung erbaut, der von den Schluchten des Flusses Achurjan und dem Tal von Zaghkotsadsor begrenzt wird, erhebt sich die mittelalterliche Metropole Ani (historische Stadt) auf rund 1340 Metern Höhe im Herzen der historischen Provinz Schirak. Heute in der türkischen Provinz Kars gelegen, gegenüber den armenischen Dörfern Charkow, Norschen und Aniawan, wacht die einstige Hauptstadt über eine geschlossene Grenze. Als «Stadt der tausendundein Kirchen» und «Hauptstadt des Jahres 1000» bezeichnet, bleibt Ani für die Armenier das strahlendste und greifbarste Symbol ihrer vergangenen Grösse. Trotz der Prüfungen der Zeit zeugen ihre Bauten aus Vulkantuff von einer aussergewöhnlichen politischen, spirituellen und architektonischen Ausstrahlungskraft.
Von der Kamsarakan-Festung zur Bagratiden-Metropole
Bereits im 5. Jahrhundert von den armenischen Geschichtsschreibern Elishe und Ghasar Parpezi erwähnt, war Ani zunächst eine solide Festung im Besitz der Adelsdynastie der Kamsarakan. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts erwarb Fürst Aschot Msaker die Kantone Arscharunik und Schirak, wodurch die Festung in den Machtbereich der Bagratiden überging.
Das Schicksal von Ani veränderte sich im 10. Jahrhundert grundlegend. Im Jahr 961 beschloss König Aschot III., seine Hauptstadt von Kars hierher zu verlegen. Bereits 964 liess er einen ersten Mauerring errichten, die sogenannten «Aschotaschen»-Mauern, sowie einen grossen Palast auf dem Hügel der Zitadelle Midschnaberd. Das Wachstum der Stadt verlief rasant: Um 989 begann König Smbat II. mit dem Bau einer zweiten Verteidigungslinie, den imposanten, 2500 Meter langen «Smbataschen»-Mauern mit ihren halbrunden Türmen. 992 wurde schliesslich auch der Sitz des armenischen Katholikats in die Stadt verlegt.
Unter der Herrschaft von Gagik I. (989–1020) erreichte die Bagratiden-Hauptstadt den Höhepunkt ihrer Macht. In idealer Lage an den Handelsrouten gelegen, die sie mit dem Byzantinischen Reich, Persien und der arabischen Welt verbanden, entwickelte sich Ani zu einem bedeutenden Wirtschaftsknotenpunkt mit einer kosmopolitischen Bevölkerung, die von Historikern auf rund 100 000 Einwohner geschätzt wird, nach manchen damaligen armenischen Quellen sogar auf bis zu 200 000. Gepflasterte Strassen und Plätze, Abwasserleitungen, Märkte und Handwerkerwerkstätten bildeten das Gefüge einer grossen mittelalterlichen Metropole.
Das Meisterwerk der Architekturschule von Ani
Ani etablierte sich als Wiege einer innovativen Architekturschule, die vom Baumeister Trdat (Tiridates) zu höchster Blüte geführt wurde. Diesem berühmten Architekten verdankt die Stadt ihre grosse Kathedrale, die der Heiligen Muttergottes (Surb Astwazadsin) geweiht ist. Unter Smbat II. um 989 begonnen und 1001 unter Gagik I. vollendet, gilt das Bauwerk als Musterbeispiel einer Kuppelbasilika. Ihre Spitzbögen, Bündelpfeiler und Halbsäulen nahmen strukturelle Lösungen vorweg, die Westeuropa erst zwei Jahrhunderte später mit der Gotik entwickeln sollte. Trdat entwarf zwischen 1001 und 1010 auch die Kirche Sankt Gregor von Gagkaschen, eine gewaltige dreigeschossige Rotunde nach dem Vorbild von Swartnoz.
Obgleich der Volksmund von tausendundein Kirchen spricht, haben Archäologen rund fünfzig grössere Kirchen sowie zahlreiche Kapellen freigelegt. Die Erlöserkirche, 1036 auf Initiative des Pahlawuni-Prinzen Ablgharib zur Aufnahme einer Reliquie des Wahren Kreuzes errichtet, weist einen bemerkenswerten oktokonchen Grundriss auf. Unweit davon entfaltet die Sankt-Gregor-Kirche der Abughamrenz einen hexakonchen Grundriss mit tiefen Wandnischen.
Die Stadt war zudem ein kulturelles Zentrum ersten Ranges. Ihre theologische Akademie, das Wardapetaran, zog herausragende Gelehrte wie Grigor Magistros Pahlawuni und Howhannes Sarkawag an, während Schreibstuben und Werkstätten von Buchmalern die armenische Handschriftentradition bereicherten.
Prüfungen, zakaridische Renaissance und Niedergang
Nach dem Tod von Gagik I. schwächten Thronstreitigkeiten das Königreich. Im Jahr 1045 verleibte sich das Byzantinische Reich die Stadt ein und zwang den jungen König Gagik II. ins Exil. Zwei Jahrzehnte später, am 16. August 1064, nahm ein gewaltiges seldschukisches Heer unter Führung von Alp Arslan Ani nach 25-tägiger Belagerung ein und unterwarf die Stadt Plünderungen und Massakern, wie der Chronist Sibt ibn al-Dschauzi bezeugt. Im Jahr 1072 wurde die Stadt an die kurdische Dynastie der Schaddadiden abgetreten.
Die einheimische Bevölkerung fand sich mit dieser Herrschaft nicht ab und rief wiederholt das christliche Königreich Georgien um Hilfe an. 1199 befreiten die armenischen Generäle Sakare und Iwane Sakarjan mit Unterstützung von Königin Tamar von Georgien die Stadt endgültig. Als Zentrum des zakaridischen Armeniens erlebte die Stadt einen bemerkenswerten Aufschwung. In diese Periode fällt die Stiftung der Sankt-Gregor-Kirche durch einen reichen Kaufmann namens Tigran Honents im Jahr 1215 – ein einschiffiges Meisterwerk mit prachtvollen Fresken, die das Leben des heiligen Gregor des Erleuchters und Christi darstellen.
Dieser neue Schwung wurde 1236 durch den Mongolensturm gebrochen, der die Stadt verwüstete. Heimgesucht von verheerenden Erdbeben – insbesondere jenem von 1319, das die Kuppel der Kathedrale zum Einsturz brachte – und durch die Verlagerung wichtiger regionaler Handelswege an den Rand gedrängt, entvölkerte sich Ani zusehends. Im 14. Jahrhundert diente sie den Qara Qoyunlu vorübergehend als Hauptstadt, bevor diese Jerewan den Vorzug gaben. 1441 kehrte der Sitz des armenischen Katholikats nach Etschmiadsin zurück. Unter den Osmanen zu einem bescheidenen Dorf herabgesunken, wurde Ani im Laufe des 18. Jahrhunderts vollends verlassen.
Erinnerung, Ausgrabungen und denkmalpflegerische Anerkennung
Nach dem Anschluss an das Russische Kaiserreich im Jahr 1878 öffnete sich die Region von Ani der modernen archäologischen Forschung. 1892 leitete der Orientalist Nikolai Marr bedeutende Ausgrabungskampagnen unter der Schirmherrschaft der Petersburger Akademie der Wissenschaften ein. Diese Arbeiten wurden von 1904 bis 1917 unermüdlich fortgeführt, um die entdeckten Schätze zu inventarisieren, zu sichern und auszustellen. Angesichts des Vorrückens der osmanischen Armee gelang es dem Archäologen Aschcharbek Kalantar im April 1918, fast 6000 Objekte aus Ani in Sicherheit zu bringen. Auf Initiative von Joseph Orbeli zusammengeführt, befinden sich diese kostbaren Zeugnisse heute im Historischen Museum von Armenien in Jerewan.
Bauten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch vereinzelt genutzt wurden, wurden während des Völkermords von 1915 verwüstet. Nach der Rückeroberung der Stätte durch die Türkei 1920 und der Grenzziehung durch den Vertrag von Kars 1921 kam es zu Zerstörungen an Marrs Ausgrabungsstätten. Im Jahr 1988 brachte das Erdbeben von Spitak die Nordwestecke der Kathedrale zum Einsturz.
Die universelle Bedeutung dieses aussergewöhnlichen Erbes wurde am 15. Juli 2016 auf der 40. Tagung des Welterbekomitees feierlich gewürdigt, als die archäologische Stätte von Ani in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen wurde. In der armenischen Dichtung, namentlich von Howhannes Schiras, voller Wehmut besungen, bleibt Ani eine unerschöpfliche Quelle des Stolzes und ein meisterhaftes Zeugnis armenischer Baukunst.
Quellen
- Ani (Wikipedia fr)
- Ani (Wikipedia en)
- Անի (Wikipedia hy)
- Ани (город) (Wikipedia ru)
- ՀՍՀ/ԱՆԻ (ՀՍՀ, Wikisource)
- Ani (historische Stadt) (Wikipedia de)
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