Kloster Tatew: Spirituelle Zitadelle und mittelalterlicher Leuchtturm von Sjunik
Aus dem Französischen übersetzt
Die Ursprünge eines heiligen Felssporns
Im Südosten Armeniens, im Herzen der Provinz Sjunik und rund zwanzig Kilometer von Goris entfernt, erhebt sich das Kloster Tatew auf einem weiten Basaltplateau über der tiefen Schlucht des Flusses Worotan. Das bedeutende Zentrum der Armenischen Apostolischen Kirche, das Armenien bereits 1995 auf seine Tentativliste des UNESCO-Welterbes setzte, blickt auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück. Lange vor der Errichtung der grossen Klosterbauten befand sich auf dem Plateau ein heidnisches Heiligtum, das nach der Christianisierung Armeniens im 4. Jahrhundert durch eine bescheidene Kirche ersetzt wurde.
Die Überlieferung kennt zwei Erklärungen für den Ursprung des Ortsnamens. Die eine führt ihn auf den heiligen Eustatheus (Eustateus) zurück, einen Schüler des Apostels Thaddäus, der in dieser Gegend predigte und das Martyrium erlitt; über seinem Grab soll der heilige Gregor der Erleuchter ein erstes Heiligtum geweiht haben. Die andere Erklärung aus dem Volksglauben verweist auf die Worte, die der Baumeister nach Vollendung der Kuppel am Rande des Abgrunds ausgerufen haben soll: «Togh astwats indz ta-tew» («Möge Gott mir Flügel verleihen»). Seit dem 9. Jahrhundert Sitz des Bischofs von Sjunik, entwickelte sich Tatew zu einem zentralen spirituellen, politischen und kulturellen Knotenpunkt.
Ein aussergewöhnliches architektonisches Ensemble
Der befestigte Klosterkomplex zeichnet sich durch seine bedeutenden Bauwerke und seine technische Raffinesse aus. Die den heiligen Aposteln Petrus und Paulus (Surp Poghos-Petros) geweihte Hauptkirche entstand zwischen 895 und 906 auf Initiative von Bischof Howhannes und mit finanzieller Unterstützung des regierenden Fürsten Aschot von Sjunik, seiner Gemahlin Fürstin Schuschan sowie der Fürsten Grigor Supan und Dsagik. Bei ihrer Weihe im Jahr 906 waren hochrangige Persönlichkeiten des Reiches anwesend, darunter König Smbat I. Bagratuni und Katholikos Howhannes V. Draschanakerttsi. Diese Kuppelbasilika weist an ihrer Ostfassade Nischen mit Reliefporträts von Aschot und Schuschan auf, die von gemeisselten Schutzfiguren flankiert werden. Bereits ab 930 liess Bischof Hakob Dwinetsi die Innenwände mit Fresken lokaler Künstler und aus Konstantinopel herbeigerufener Maler ausgestalten, die insbesondere das Jüngste Gericht und den thronenden Christus inmitten der Heiligen darstellen.
Südlich der Kathedrale befindet sich die Kirche des heiligen Gregor des Erleuchters (Surp Grigor Lussaworitsch). Sie wurde ursprünglich um 848 von Fürst Philipp von Sjunik erbaut, 1138 durch ein Erdbeben zerstört und 1295 auf Betreiben von Metropolit Stepanos Orbelian vollständig neu errichtet. Entlang der nördlichen Befestigungsmauer liegt die Kirche der Heiligen Muttergottes (Surp Astwatsatsin), die 1087 über dem Eingangsmausoleum erbaut wurde.
Die Anlage birgt zudem ein einzigartiges Monument: den Gawasan. Diese um 904–906 südlich der Kathedrale errichtete und der Heiligen Dreifaltigkeit geweihte achteckige Säule ist acht bis neun Meter hoch, ruht auf einer beweglichen Basis und wird von einem Chatschkar bekrönt. Sie war so konstruiert, dass sie bei Erdstössen schwanken konnte, ohne umzukippen, und anschliessend wieder in die Senkrechte zurückkehrte; so diente sie der Klostergemeinschaft unter anderem als Erdbeben-Frühwarnsystem.
Die intellektuelle Strahlkraft der mittelalterlichen Universität
Über seine liturgische Funktion hinaus erlangte Tatew als eine der renommiertesten Bildungsstätten der armenischen Welt Berühmtheit. Im Gefolge des Niedergangs der Universität Gladsor liess sich der Gelehrte Howhan Worotnetsi unter dem Schutz der Orbelian-Fürsten in der Region nieder und gründete im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts die Universität Tatew. Nach seinem Tod im Jahr 1388 übernahm sein Schüler Gregor von Tatew (Grigor Tatewatsi) die Leitung der Schule und führte ihr Ansehen zu einem Höhepunkt.
Der Unterricht gliederte sich in drei Hauptabteilungen: das Studium der Heiligen Schrift und der Geisteswissenschaften (Philosophie, Theologie, Grammatik, Rhetorik, Geschichte und Naturwissenschaften), die Buchkunst des Skriptoriums (Kalligrafie, Buchmalerei und Miniaturmalerei) sowie die Kirchenmusik. Die Universität bildete Theologen, Kopisten und Meisterlehrer aus. Die Gelehrten von Tatew leisteten namentlich den Dominikanern der Fratres Unitores (Einheitsbrüder) energischen dogmatischen Widerstand. Zudem spielten sie eine entscheidende Rolle bei den Bestrebungen, die 1441 zur historischen Rückverlegung des obersten Katholikatssitzes von Sis in das Kloster Etschmiadsin führten. Das Grab Gregors von Tatew, überwölbt von einem 1787 erbauten Mausoleum, befindet sich bis heute an der Westflanke der Gregorkirche.
Von jahrhundertealten Prüfungen zur modernen Wiedergeburt
Als Eigentümer weitläufiger landwirtschaftlicher Güter und Nutzniesser von Abgaben aus Hunderten von Ortschaften war das Kloster Schauplatz feudaler Spannungen, die sich im 10. Jahrhundert in Aufständen der Bauern von Zuraberd entluden. In den folgenden Jahrhunderten erlebte Tatew schwere Verwüstungen: die Seldschukeneinfälle im Jahr 1170, bei denen rund zehntausend Handschriften verbrannten, die Zerstörungszüge Tamerlans zwischen 1381 und 1387 sowie den Einfall Schah-Ruchs im Jahr 1434. Trotz dieser Rückschläge erholte sich der Komplex im 17. und 18. Jahrhundert dank aufeinanderfolgender Renovierungen und der Errichtung von Wirtschaftsgebäuden wie der Ölmühle (Dsit Han).
Das Kloster nahm auch in der jüngeren Geschichte von Sangesur eine Schlüsselrolle ein. Während der von Garegin Nschdeh geführten Selbstverteidigungskämpfe proklamierte ein in Tatew versammelter Kongress am 26. April 1921 die Republik Berg-Armenien. Zehn Jahre später erschütterte das verheerende Erdbeben von 1931 die Anlage zutiefst und brachte den Glockenturm sowie die Kuppel der Peter-und-Paul-Kirche zum Einsturz.
Nach einer ersten Restaurierungsphase, die 1974 begann, erfuhr die Stätte ab 2008 durch das von Ruben Wardanjan initiierte Programm «Renaissance von Tatew» einen umfassenden Aufschwung. Dieses Projekt ermöglichte 2010 die Instandsetzung der Ölmühle, gefolgt von der Restaurierung des Nordeingangs, der Klosterquelle im Jahr 2016 und der Kirche der Heiligen Muttergottes im Jahr 2018. Im Oktober 2010 revolutionierte die Inbetriebnahme der Luftseilbahn «Flügel von Tatew», die Halidsor über eine Strecke von 5750 Metern über die Worotan-Schlucht hinweg mit dem Kloster verbindet, den Zugang zu diesem architektonischen Juwel von Sjunik und gab ihm seinen festen Platz im lebendigen Kulturerbe Armeniens zurück.
Quellen
- Tatev (Wikipedia fr)
- Tatev Monastery (Wikipedia en)
- Տաթևի վանք (Wikipedia hy)
- Татев (монастырь) (Wikipedia ru)
- Tatev Monastery (PeopleOfAr)
- Kloster Tatew (Wikipedia de)
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