Tigranes II. und das goldene Zeitalter des armenischen Reiches
Aus dem Französischen übersetzt
Tigranes II., der als Tigranes der Grosse (Tigran Mets) in die Geschichte einging, geboren um 140 v. Chr. und gestorben 55 v. Chr., verkörpert eine Epoche beispiellosen Glanzes in der Geschichte der armenischen Nation. Er stammte aus der Dynastie der Artaxiden und war der Enkel des Reformkönigs Artaxias I.; er regierte von 95 bis 55 v. Chr. Unter seiner Herrschaft dehnte sich das Königreich Grossarmenien weit über seine traditionellen Grenzen hinaus aus und behauptete sich über mehrere Jahrzehnte hinweg als führende Macht östlich der römischen Welt.
Von den Ufern des Exils zur königlichen Geltung
Bevor er die Krone empfing, verbrachte Prinz Tigranes II. lange Jahre als Geisel am Hof des parthischen Königs Mithridates II., infolge eines militärischen Konflikts, der für die Armenier ungünstig verlaufen war. Obwohl er seinem Rang entsprechend behandelt wurde, lernte er dort die diplomatischen und militärischen Mechanismen der orientalischen Höfe kennen. Im Jahr 95 v. Chr., nach dem Tod seines Vaters, König Tigranes I., erlangte er seine Freiheit im Austausch gegen die Abtretung von «siebzig fruchtbaren Tälern» in Atropatene zurück.
Im Alter von fünfundvierzig Jahren gekrönt, fand Tigranes II. ein Land vor, das durch das Erbe seiner Vorgänger strukturiert war. Die gebirgige Topografie teilte das Land jedoch naturbedingt in Provinzen, die von mächtigen Feudalherren, den nakharark, beherrscht wurden. Bestrebt, eine zentralisierte Macht aufzubauen, festigte der Herrscher die königliche Autorität. Bereits 94 v. Chr. setzte er Artanes, den König von Sophene, ab und gliederte dieses Fürstentum endgültig in die Krondomäne ein. Im selben Jahr schloss Tigranes II. ein entscheidendes Bündnis mit dem König von Pontos, Mithridates VI. Eupator, dessen Tochter Kleopatra er heiratete. Die beiden Monarchen steckten ihre Ambitionen ab: Anatolien und die Westküsten für das pontische Königreich, die Expansion nach Osten für Armenien. Ihre vereinten Armeen griffen bereits 93 v. Chr. gemeinsam in Kappadokien ein und drängten den von Rom unterstützten Klientelkönig Ariobarzanes I. zurück.
Der Aufbau des Reiches «von einem Meer zum anderen»
Nach dem Tod von Mithridates II. von Parthien im Jahr 88 v. Chr. nutzte Tigranes II. die internen Spaltungen seines ehemaligen Lehnsherrn aus. Unter Verwerfung jeglicher Vasallität eroberte die armenische Armee die siebzig Täler zurück, marschierte in Obermesopotamien ein und unterwarf Atropatene, Adiabene, Gordyene sowie Osrhoene. Tigranes II. drang bis nach Ekbatana vor, der Sommerresidenz der parthischen Könige, und nahm die Festung Adrabana ein. König Gotarzes I. musste sich beugen, und Tigranes II. nahm für sich den souveränen Titel des «Königs der Könige» (arkayits arka) in Anspruch. Im Norden dehnte der Monarch seinen Einfluss auf die Königreiche Iberien und Kaukasisches Albanien aus.
Im Jahr 83 v. Chr., angesichts des Zerfalls des von dynastischen Rivalitäten zerrissenen Seleukidenreichs, beschlossen die Notabeln und griechischen Städte Syriens, Tigranes II. die Krone anzubieten, um Eintracht wiederherzustellen. Nachdem er Magadates als Statthalter in Antiochia eingesetzt hatte, nahm der König von Armenien Syrien, Phönizien, Kilikien und Kommagene in Besitz und weitete seine Vorposten bis zur Stadt Ptolemais aus.
Das Reich erreichte damit seinen territorialen Höhepunkt und umfasste ein gewaltiges Gebiet, das sich von den Pontischen Alpen und dem Kaukasus bis an die Grenzen Mesopotamiens und vom Kaspischen Meer bis zum Mittelmeer erstreckte. Diese geopolitische Realität führte zum populären Ausdruck Armeniens «von einem Meer zum anderen» (tsovits tsov Hayastan). Laut dem Geschichtsschreiber Plutarch erschien Tigranes II. in voller Hoheit, eskortiert von vier Vasallenkönigen. Selbst in Rom verwies Cicero in seinen Reden auf die Bedrohung, die von der Macht des armenischen Königs ausging.
Tigranakert und die hellenistische Ausstrahlung
Um diesem riesigen multiethnischen Gebilde ein adäquates Verwaltungszentrum zu geben, gründete Tigranes II. in den 80er- und 70er-Jahren v. Chr. eine neue Metropole: Tigranakert (Tigranocerta), erbaut in der Provinz Aghdznik am westlichen Tigris. Weitere Städte, die seinen Namen trugen, wurden ebenfalls errichtet, insbesondere in Arzach. Um seiner neuen Hauptstadt zu Wohlstand zu verhelfen, siedelte der König Tausende von Bewohnern aus Städten in Kappadokien und Kilikien dorthin um.
Tigranakert nahm eine griechisch inspirierte Stadtplanung an, mit einem Theater, imposanten Festungsmauern und reichen Palästen. Als «Philhellene» proklamiert, empfing der König an seinem Hof Redner und Philosophen, darunter Metrodoros von Skepsis, den Verfasser einer Geschichte des Tigranes. Die Verwaltung führte neben den lokalen Traditionen das Griechische ein, während sich das zoroastrische Pantheon allmählich an die olympischen Gottheiten anglich.
Diese Dynamik spiegelte sich in den in Antiochia und Damaskus geprägten Münzen wider. Diese silbernen Tetradrachmen, die wegen der Feinheit ihrer Gravur bewundert wurden, zeigten den König im Profil, geschmückt mit der armenischen Tiara, auf der ein Stern zwischen zwei Raubvögeln prangte – Symbole des königlichen zoroastrischen Ruhms. Einige Forscher sehen in diesem Kometenstern den Halleyschen Kometen, der 87 v. Chr. beobachtet wurde. Auf der Rückseite war die Göttin Tyche von Antiochia zu sehen, die über dem Fluss Orontes thronte.
Das Aufeinandertreffen der Legionen und der Frieden von Artaxata
Die unvermeidliche Konfrontation mit Rom erfolgte, als Mithridates VI., der 72 v. Chr. von Lucullus besiegt worden war, Zuflucht bei Tigranes II. suchte, welcher sich weigerte, seinen Verbündeten und Schwiegervater auszuliefern. Im Jahr 69 v. Chr. drangen römische Truppen in Armenien ein und belagerten Tigranakert. Am 6. Oktober 69 v. Chr., infolge der Schlacht und des Verrats eines Teils der Wachen, die die Tore öffneten, fiel die Hauptstadt an Lucullus, obwohl es Tigranes II. gelang, seine Angehörigen dank einer Truppe von sechstausend Reitern in Sicherheit zu bringen.
Im folgenden Jahr leisteten die vereinigten armenischen und pontischen Streitkräfte den Legionen vor der alten Hauptstadt Artaxata Widerstand. Angesichts des schwierigen Geländes und der erlittenen Verluste meuterten die römischen Soldaten und zwangen Lucullus zum Rückzug. Pompeius erhielt daraufhin den Auftrag, den Krieg im Jahr 66 v. Chr. zu beenden. Konfrontiert mit dem Vormarsch neuer Legionen und dem Aufstand seines eigenen Sohnes, Tigranes des Jüngeren, wählte der fünfundsiebzigjährige Monarch den diplomatischen Weg.
Beim Treffen mit Pompeius verzichtete Tigranes II. auf seine äusseren Eroberungen – Syrien, Phönizien und Sophene – und zahlte eine Entschädigung von sechstausend Talenten Silber. Pompeius richtete ihn mit Respekt auf und bestätigte seine Herrschaft über das Königreich Grossarmenien mit dem Titel eines Verbündeten Roms. Tigranes II. regierte fortan friedlich über seine angestammten Länder bis zu seinem Tod im Jahr 55 v. Chr. im Alter von fünfundachtzig Jahren und hinterliess den Thron seinem Sohn Artavasdes II. Von der bewundernden Feder des Moses von Choren bis hin zu den Barockopern, die im 18. Jahrhundert von Antonio Vivaldi oder Christoph Willibald Gluck komponiert wurden, bleibt das Epos von Tigranes II. einer der strahlendsten Meilensteine des armenischen Nationalgedächtnisses.
Quellen
- Tigrane II d'Arménie (Wikipedia fr)
- Tigranes the Great (Wikipedia en)
- Տիգրան Մեծ (Wikipedia hy)
- Тигран II (Wikipedia ru)
- Tigranes II. (Wikipedia de)
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