Das Königreich Kleinarmenien: Glanz und Schicksal eines Staates am Mittelmeer
Aus dem Französischen übersetzt
Hervorgegangen aus den Umbrüchen infolge der seldschukischen Invasionen in Grossarmenien und der byzantinischen Annexion von 1045, verkörperte das Königreich Kleinarmenien – auch als Armenisches Kilikien bekannt – fast drei Jahrhunderte lang die armenische nationale Souveränität im Südosten Anatoliens. Fernab der angestammten Hochebenen, an den Ufern des Mittelmeers und im Herzen des Taurusgebirges gelegen, bildete dieses Gebilde zwischen 1080 und 1375 ein bedeutendes politisches, militärisches und intellektuelles Zentrum.
Von den Festungen des Taurus zur königlichen Krönung
Nach der byzantinischen Niederlage bei Manzikert im Jahr 1071 übernahmen armenische Fürsten die Kontrolle über mehrere Festungen. Unter ihnen lehnte sich Ruben, ein ehemaliger Offizier mit Verbindungen zum letzten Bagratiden-König Gagik II., gegen Byzanz auf und legte 1080 den Grundstein für ein unabhängiges Fürstentum. Unter seiner Führung und der seiner Nachfolger, der Rubeniden, festigte sich die armenische Macht um uneinnehmbare Festungen wie Vahka und Partzapert.
Während des Ersten Kreuzzugs wurden die Armenier unter der Herrschaft von Konstantin I. zu wertvollen Verbündeten für die von Gottfried von Bouillon geführten Franken, indem sie Vorräte, Pferde und Führer bereitstellten. Thoros I. dehnte das Herrschaftsgebiet anschliessend in die Ebene aus, eroberte Anazarbos und verlegte die Hauptstadt nach Sis. Trotz der byzantinischen Offensiven, die 1137 unter Kaiser Johannes II. zur Gefangennahme von Fürst Leon I. führten, gelang es dessen Sohn Thoros II. im Jahr 1141 zu fliehen und die rubenidische Herrschaft wiederherzustellen.
Der Höhepunkt dieser ersten Epoche wurde unter Leon II. erreicht, der 1187 den Fürstenthron bestieg. Als geschickter Diplomat und Feldherr verdoppelte er den kontrollierten Küstenstreifen und verstand es, die Anerkennung der westlichen Mächte zu erlangen. Am 6. Januar 1198, dem armenischen Weihnachtstag, wurde Leon II. in der Kathedrale von Tarsos feierlich als erster König des kilikischen Armeniens unter dem Namen Leon I. gekrönt. Die Salbung wurde von Katholikos Gregor VI. Apirat in Anwesenheit jakobitischer und orthodoxer Würdenträger vollzogen, während Erzbischof Konrad von Mainz ihm im Namen des römisch-deutschen Kaisers Heinrich VI. die Reichsinsignien überreichte. Diese Herrschaft brachte dem Monarchen den Beinamen Leon der Prächtige ein.
Ein diplomatischer Drahtseilakt gegenüber Mongolen und Mamluken
Nach dem Tod Leons I. fiel die Krone an seine Tochter Zabel, die 1226 Hethum I. heiratete und damit das Bündnis zwischen den Rubeniden und der rivalisierenden Dynastie der Hethumiden besiegelte. Als die mongolischen Horden den Nahen Osten überrollten und Grossarmenien verwüsteten, traf Hethum I. die strategische Entscheidung zu verhandeln. Er entsandte 1247 seinen Bruder, den Konnetabel Sempad, nach Karakorum und reiste 1253 persönlich zu Möngke Khan. Dieses beispiellose Abkommen sicherte die Unversehrtheit des Königreichs und befreite die armenischen Kirchen und Klöster auf mongolischem Gebiet von Steuern.
Dieses Bündnis zog Kilikien jedoch in eine direkte Konfrontation mit den Mamluken Ägyptens hinein. 1266 forderte der Mamlukensultan Baibars den Bruch mit den Mongolen; in Abwesenheit Hethums I., der aufgebrochen war, um in Persien Verstärkung zu holen, zerschlugen die mamlukischen Truppen das armenische Heer in der Schlacht von Mari, wobei Prinz Thoros getötet und der künftige Leon III. gefangen genommen wurde. Zwar wurden gemeinsame armenisch-mongolische Siege errungen, insbesondere am 23. Dezember 1299 bei Homs an der Seite von Khan Ghazan, doch die Mamluken intensivierten ihre Einfälle. Die Plünderung von Hromkla im Jahr 1292 zwang die armenische Kirche, den Heiligen Stuhl des Katholikats endgültig nach Sis zu verlegen.
Gesellschaft, Wirtschaft und künstlerische Ausstrahlung
Am Schnittpunkt der lateinischen, byzantinischen und orientalischen Welt entwickelte Kleinarmenien eine eigenständige Kultur. Die Gesellschaftsordnung übernahm Institutionen des westlichen Feudalismus: Die Titel Baron (Paron) und Konnetabel (Gundstabl) verdrängten die antiken Ämter des Nacharar und des Sparapet. Das ritterliche Ideal prägte den Adel, während die Sprache durch französische Begriffe bereichert wurde und das armenische Alphabet um zwei neue Buchstaben ergänzt wurde: das «Ֆ» (f) und das «Օ» (o).
Diese Öffnung gegenüber Europa ermöglichte auch einen Austausch in umgekehrter Richtung: Die Kreuzfahrer liessen sich von der armenischen Militärarchitektur inspirieren, namentlich beim kreisförmigen Grundriss ihrer Wehrtürme. In wirtschaftlicher Hinsicht etablierte sich das Königreich dank der Hafenmetropole Ayas, die von italienischen Kaufleuten frequentiert und von Marco Polo besucht wurde, als Drehscheibe des Handels zwischen Orient und Okzident. Die maritime Sicherheit und der Küstenschutz stützten sich auf eine in Ayas und Korykos stationierte Flotte, ergänzt durch ein Heer von 30 000 Soldaten in Friedenszeiten, das in Kriegszeiten bis zu 60 000 Mann umfassen konnte.
Kilikien war zudem ein glanzvolles künstlerisches Zentrum. Im Kloster und der Festung Hromkla entfaltete sich im 13. Jahrhundert das Schaffen des Buchmalers Toros Roslin, dessen Miniaturen zu den Schätzen der mittelalterlichen armenischen Kunst zählen. Die Sakral- und Burgenarchitektur erlebte einen bemerkenswerten Aufschwung, der sich in der Kathedrale Hagia Sophia in Sis und den imposanten Festungen Lampron und Anazarbos manifestierte.
Das Ende des Königreichs und das Erbe einer Nation
Das Erlöschen der hethumidischen Linie führte 1342 zur Wahl von Guido von Lusignan unter dem Namen Konstantin III., der aus dem über Zypern herrschenden französischen Fürstenhaus stammte. Versuche, die Riten der römischen Kirche durchzusetzen, führten jedoch zu erbitterten Spannungen zwischen der unierten Aristokratie und der ihren Traditionen verbundenen Bevölkerung.
Isoliert nach dem Rückzug der Kreuzfahrerstaaten und der Islamisierung der Mongolen erlag das Königreich schliesslich den wiederholten Angriffen der Mamluken. Sis fiel im April 1375. Der letzte König, Leon VI. von Lusignan, der gefangen genommen und später gegen Lösegeld freigelassen wurde, starb 1393 im Exil in Paris. Zwar behaupteten einige Herren bis zur osmanischen Annexion im Jahr 1515 Enklaven im Hohen Taurus, doch blieb die armenische Bevölkerung bis zum Völkermord von 1915 in Kilikien verwurzelt. Bis heute ist die Erinnerung an diese Souveränität lebendig, verkörpert durch den kilikischen Löwen auf dem Staatswappen der Republik Armenien und den Fortbestand des Katholikats des Grossen Hauses von Kilikien in Antelias im Libanon.
Quellen
- Royaume arménien de Cilicie (Wikipedia fr)
- Armenian Kingdom of Cilicia (Wikipedia en)
- Կիլիկիայի հայկական թագավորություն (Wikipedia hy)
- Киликийская Армения (Wikipedia ru)
- Königreich Kleinarmenien (Wikipedia de)
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