Aram Chatschaturjan: der lyrische Atem und die symphonische Seele Armeniens
Aus dem Französischen übersetzt
Der am 24. Mai 1903 in Tiflis geborene und am 1. Mai 1978 in Moskau verstorbene Aram Chatschaturjan bleibt eine der bedeutendsten Gestalten der armenischen und sowjetischen Musikgeschichte. Als Schöpfer der ersten Sinfonie, des ersten Konzerts, des ersten Balletts und der ersten Tonfilmmusik Armeniens verstand er es, eine meisterhafte Brücke zwischen den Schätzen der orientalischen Folklore und der Strenge der symphonischen Tradition zu schlagen.
Von den Gassen von Tiflis zur Entdeckung der Musik
Aram Chatschaturjan wuchs in einer Familie auf, die aus der Region Goghtan stammte, einer historischen Wiege von Sängern und Musikern, die einst schon von Moses von Choren gerühmt wurde. Sein Vater Jegia, ein Buchbinder aus dem Dorf Ober-Aza nahe Ordubad in Nachitschewan, hatte sich in den 1870er-Jahren in Tiflis niedergelassen, dem damaligen kulturellen Knotenpunkt des Kaukasus. Seine Mutter Kumash Sarkisowna stammte ihrerseits aus Unter-Aza. Als jüngster von vier Brüdern und einer Schwester sog der junge Aram von Kindheit an die zu Hause gesungenen Volkslieder, die Feste des Quartiers sowie die Melodien der Strassenmusiker und traditionellen Barden in sich auf.
Während seiner Schulzeit am Pensionat Argutinskaja-Dolgorukowa und anschliessend an der Handelsschule von Tiflis erlernte Chatschaturjan in der Blaskapelle seiner Lehranstalt Klavier, Horn und Tuba, ohne jedoch an eine künstlerische Laufbahn zu denken. 1915 floh die Familie vor der Bedrohung durch die osmanischen Armeen für kurze Zeit zu Arams ältestem Bruder nach Jekaterinodar, bevor sie nach Tiflis zurückkehrte. Erst 1921 wendete sich sein Schicksal: Er reiste nach Moskau zu seinem Bruder Suren, der damals Regisseur am Moskauer Künstlertheater war. Obwohl er erst im Alter von 19 Jahren Noten lesen lernte, wurde er an der Gnessin-Musikakademie in der Celloklasse von Sergei Bytschkow und später Andrei Borysiak aufgenommen, während er gleichzeitig an der Staatlichen Universität Moskau Biologie studierte. Ab 1925 wechselte er in die Kompositionsklasse von Michail Gnessin und setzte sein Studium anschliessend am Moskauer Konservatorium unter der Leitung von Nikolai Mjaskowski, Reinhold Glière und Sergei Wassilenko fort.
Die Verwurzelung im armenischen Erbe
Für Chatschaturjan fand die ernste Musik ihr Wesen im Gesang des Volkes. Das Erbe des Musikwissenschaftlers Komitas, den er als seinen grössten Lehrmeister betrachtete, sowie das Vorbild von Alexander Spendiarjan und Romanos Melikjan bildeten das Fundament seines Schaffens. Bereits in seinem ersten veröffentlichten Werk, dem Tanz für Violine und Klavier aus dem Jahr 1926, traten armenische Wendungen in seiner Tonsprache hervor. Seine Erste Sinfonie (1934–1935), die als Abschlussarbeit am Konservatorium anlässlich des fünfzehnten Jahrestags der Republik entstand, erregte die Bewunderung von Dmitri Schostakowitsch.
1935 schrieb er die Musik zu Pepo, dem ersten armenischen Tonfilm unter der Regie von Hamo Beknasarjan, und leitete damit eine lange Schaffensphase für Kino und Theater ein. Im Sommer 1939 verbrachte Chatschaturjan sechs Monate in Armenien, um die Tänze und die musikalische Folklore des Landes eingehend zu erforschen. Dieses Eintauchen diente ihm als Nährboden für sein erstes Ballett, Das Glück, dessen Libretto von Geworg Howhannisjan das armenische Landleben schilderte. Dieses Material überarbeitete er während des Zweiten Weltkriegs, woraus sein choreografisches Meisterwerk, das Ballett Gajaneh, hervorging.
Von Bühnentriumphen zu ideologischen Wirren
Am 9. Dezember 1942 vom evakuierten Ensemble des Kirow-Theaters in Perm uraufgeführt, während Leningrad unter der Belagerung litt, wurde Gajaneh zu einem sofortigen Triumph und brachte dem Komponisten 1943 den Stalinpreis ersten Grades ein. Chatschaturjan spendete das Preisgeld für den Bau eines Panzers für die Rote Armee. Der berühmte Säbeltanz aus diesem Ballett erlangte weltweite Bekanntheit. 1944 komponierte er die Musik zur offiziellen Hymne der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik.
Neben seinen Balletten bilden seine Konzerte einen bemerkenswerten Instrumentalzyklus: das Klavierkonzert (1936, Lew Oborin gewidmet), das virtuose Violinkonzert (1940, von David Oistrach uraufgeführt) und das Cellokonzert (1946, von Swjatoslaw Knuschewitzki uraufgeführt). Zudem schuf er die Bühnenmusik zu Lope de Vegas Die Witwe von Valencia (1940) und Michail Lermontows Maskerade (1941), deren berühmter Walzer Eingang in das weltweite Repertoire fand.
Trotz seines hohen Ansehens im Komponistenverband der UdSSR wurde Chatschaturjan im Januar 1948 von der durch Andrei Schdanow initiierten Resolution des Zentralkomitees schwer getroffen. Zusammen mit Sergei Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch wegen «Formalismus» angeprangert – insbesondere aufgrund seiner Dritten Sinfonie –, wurde er vorübergehend zensiert und musste sich nach Armenien zurückziehen, bevor er Ende 1948 dank der Partitur für einen Lenin-Film rehabilitiert wurde.
1954 vollendete er die monumentale Partitur des Balletts Spartacus, das 1956 am Kirow-Theater uraufgeführt und 1959 mit dem Leninpreis ausgezeichnet wurde. Das Adagio von Spartacus und Phrygia gilt als einer der Höhepunkte an Emotionalität und dramatischer Ausdruckskraft in der Ballettgeschichte.
Ein Pädagoge und ein lebendiges Gedächtnis
Ab 1950 trat Chatschaturjan auch als Dirigent in Erscheinung und bereiste rund vierzig Länder, um seine eigenen Werke zu leiten. Als Professor am Gnessin-Institut und am Moskauer Konservatorium gab er seine Verbundenheit mit der nationalen Musiktradition an zahlreiche Schüler weiter, darunter die Armenier Edgar Howhannisjan und Mikael Tariwerdijew. Sein fruchtbarer Einfluss prägte Zeitgenossen wie Arno Babadschanjan, Alexander Arutiunian und Edward Mirsojan nachhaltig.
Ausgezeichnet mit dem Leninorden, 1973 zum Helden der sozialistischen Arbeit ernannt und 1974 in Frankreich zum Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres erhoben, starb Aram Chatschaturjan 1978 in Moskau. Seine sterblichen Überreste ruhen in Jerewan im Komitas-Pantheon an der Seite bedeutender Vertreter der armenischen Kultur wie Martiros Sarjan und Awetik Issahakjan. 1985 wurde am Konservatorium von Marseille eine von Lewon Tokmakdschjan geschaffene Büste durch Gaston Defferre im Beisein von Edward Mirsojan enthüllt. In Jerewan lebt sein Werk durch das ihm gewidmete Museum in der Sarobjan-Strasse, den renommierten, nach ihm benannten Konzertsaal sowie den internationalen Wettbewerb fort, der ins Leben gerufen wurde, um neue Talente zu fördern.
Quellen
- Aram Khatchatourian (Wikipedia fr)
- Aram Khachaturian (Wikipedia en)
- Արամ Խաչատրյան (Wikipedia hy)
- Хачатурян, Арам Ильич (Wikipedia ru)
- Documentary about one of the leading composers of the 20th century; Aram Khachaturian (PeopleOfAr)
- Aram Chatschaturjan (Wikipedia de)
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