Die Mechitaristen von Venedig und Wien: Drei Jahrhunderte im Dienst des armenischen Schrifttums
Aus dem Französischen übersetzt
Der armenisch-katholische Mönchsorden der Mechitaristen verkörpert seit über drei Jahrhunderten ein einzigartiges intellektuelles und spirituelles Abenteuer. 1701 von Mechitar von Sebasteia gegründet, stellte diese benediktinische Kongregation das Studium, das Schreiben und die Bewahrung des Kulturerbes ins Zentrum ihrer Berufung. Angesichts der Umbrüche der Geschichte schufen die Mönche wahre Zentren der sprachlichen und literarischen Bewahrung, geleitet von der von Beginn an formulierten Maxime: «weder die Nation der Religion noch die Religion der Nation opfern».
Von Konstantinopel an die Ufer der venezianischen Lagune und nach Wien
Mechitar wurde 1676 in Sebasteia im Osmanischen Reich geboren und 1696 zum Priester geweiht. Angetrieben von dem Willen, die Bildung seines Volkes zu heben, versammelte er Jünger um sich und gründete am 8. September 1701 in Konstantinopel unter dem Patronat des heiligen Antonius des Grossen offiziell seinen Orden. Angesichts von Spannungen innerhalb der örtlichen Gemeinschaft und Verfolgungen durch die Behörden verliess die Bruderschaft die osmanische Hauptstadt, um sich in Morea, in Modon, niederzulassen – einem damals unter venezianischer Kontrolle stehenden Gebiet. Dort errichteten die Mönche 1706 ein Kloster. 1712 erteilte Papst Clemens XI. dem Orden die offizielle Anerkennung, woraufhin dieser die Regel des heiligen Benedikt annahm.
Das Wiederaufflammen des Konflikts zwischen Osmanen und Venezianern zwang die Ordensleute 1715, Modon aufzugeben. Nach Venedig geflüchtet, erhielt die Kongregation am 26. August 1717 vom Senat der Republik die dauerhafte Abtretung der Insel San Lazzaro. Mechitar und seine Gefährten liessen sich dort am 8. September 1717 nieder. Der Abt liess dort einen Klosterkomplex mit Refektorium und einer grossen Bibliothek errichten, der 1740 vollendet wurde und wo er am 27. April 1749 verstarb. 1810, beim napoleonischen Dekret zur Aufhebung der klösterlichen Institutionen in Venedig, erhielten die Mechitaristen vom Kaiser aufgrund ihrer patriotischen und pädagogischen Arbeiten eine ausdrückliche Ausnahmegenehmigung.
Die Geschichte des Ordens ist auch von Spaltungen geprägt. 1773 verliess eine Gruppe von Brüdern nach einem Bruch mit Abt Stepanos Melkonian Venedig, um sich zunächst im habsburgischen Triest niederzulassen, bevor sie 1810 das Kloster in Wien gründeten, wo sich der Wiener Zweig 1837 endgültig niederliess. Über zwei Jahrhunderte hinweg entwickelten beide Zweige ihre eigenen wissenschaftlichen Arbeiten. Im Juli 2000 besiegelte eine ausserordentliche Generalversammlung auf San Lazzaro ihre Wiedervereinigung: San Lazzaro wurde wieder der Hauptsitz und Wien die erste Abtei des vereinigten Instituts. 2016 ernannte Papst Franziskus Bischof Lévon Boghos Zékiyan zum bischöflichen Delegaten für den Orden.
Buchdruck, Sprache und die Wiederentdeckung alter Texte
Im Gegensatz zu Mönchsorden, die sich der Handarbeit widmen, widmen sich die Mechitaristen vor allem der Forschung und dem Schreiben. Bereits ab dem 18. Jahrhundert mit Druckereien ausgestattet, druckten sie Bibeln und verbreiteten Literatur in klassischem Armenisch (Grabar). Mechitar veröffentlichte bereits 1730 eine Grammatik, um die Schriftsprache von latinisierenden Wendungen zu reinigen, und gab 1749 das Bargirk Haykazian Lezui heraus, das erste umfassende Wörterbuch des Armenischen. Zwischen 1836 und 1837 vollendeten Gabriel Avétikian, Mgrditch Avgerian und Khatchatour Surmelian in Venedig das renommierte zweibändige Nor Bargirk Haykazian lezui.
Dank der erhaltenen Manuskripte gaben die Väter der Welt auch antike christliche Texte in griechischer oder syrischer Sprache zurück, deren Originale verloren gegangen waren und die nur in ihren armenischen Fassungen überlebt hatten. Pater Pascal Aucher (Haroutiun Avgerian) veröffentlichte unter anderem Traktate von Ephräm dem Syrer, die Briefe des heiligen Ignatius von Antiochien und die Kirchengeschichte von Eusebius von Caesarea. Derselbe Pater Aucher wurde der Armenischlehrer von Lord Byron, der am 13. November 1816 mit seinem Begleiter John Cam Hobhouse San Lazzaro besuchte.
Die Mönche leisteten auch bedeutende historische und wissenschaftliche Arbeiten. Mikayel Chamchian veröffentlichte zwischen 1784 und 1786 seine dreibändige Geschichte Armeniens. Ghoukas Indjidjian und Stepanos Agonts brachten zwischen 1802 und 1808 eine monumentale Weltgeographie in elf Bänden heraus. Schliesslich lancierte Pater Gabriel Aïvazovski 1843 die literarische und wissenschaftliche Zeitschrift Bazmavep, die bis heute erscheint, während der Wiener Zweig ab 1887 die Zeitschrift Handes Amsorya herausgab.
Bildungsnetzwerk, Theaterszene und Kunstschätze
Das Engagement der Väter zeigte sich stark im Bildungswesen. Seit dem 18. Jahrhundert bestanden fast hundert Mechitaristenschulen im Orient wie im Okzident. In Paris beherbergte das Hôtel de Bourbon-Condé von 1846 bis 1870 das Collège Samuel Moorat, das später nach Sèvres verlegt wurde und an dem Persönlichkeiten wie der Regisseur Raffy Shart, der Produzent Christian Ardan, der Komponist Armen Bedrossian und der Schauspieler Charles Gérard lernten. Dichter und Gelehrte wie Daniel Varoujan, Ghevont Alishan oder Mikayel Chamchian lehrten oder studierten dort ebenfalls. Heute sind Einrichtungen in Beirut, Los Angeles, Buenos Aires, Istanbul und Jerewan aktiv.
Ab den 1770er-Jahren organisierte San Lazzaro auch Theateraufführungen auf der Grundlage der armenischen Geschichte, namentlich Stücke wie Vasak Mamikonian (1792) und Medzn Vardan Mamikonian (1799). Das venezianische Kloster beherbergt zudem ein Museum und Archive von unschätzbarem Wert: alte Handschriften, frühe gedruckte Bibeln, Gemälde von Meistern wie Sarjan, Carzou und Shart, über zweitausend Jahre alte Gegenstände aus der urartäischen Zeit sowie eine fast 4000 Jahre alte ägyptische Mumie mitsamt ihrem Sarkophag.
Ein lebendiges Erbe, das es in Kalifornien zu feiern gilt
Das Wirken der Mechitaristen bleibt ein leuchtendes Zeugnis für die Vitalität des armenischen Geistes und seine Fähigkeit, das universelle Erbe zu bereichern. Um dieses aussergewöhnliche kulturelle Gedächtnis zu feiern und weiterzugeben, ist die Öffentlichkeit zum «Armenian Culture Fest» eingeladen, das am 7. November 2026 in Kalifornien stattfinden wird. Diese Zusammenkunft wird eine besondere Gelegenheit bieten, die im Laufe der Jahrhunderte geschaffene Kreativität, Geschichte und die künstlerischen Schätze zu würdigen.
Nicht verpassen : Armenian Culture Fest — Samstag, 7. November 2026, California
Quellen
- Congrégation des pères mékhitaristes (Wikipedia fr)
- Mekhitarists (Wikipedia en)
- Մխիթարյան միաբանություն (Wikipedia hy)
- Мхитаристы (Wikipedia ru)
- Mechitaristen (Wikipedia de)
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