Das Armenische Alphabet von Mesrop Maschtoz: Das grafische Genie der armenischen Kultur
Aus dem Französischen übersetzt
Im Jahr 405 n. Chr. nahm die Geschichte der armenischen Sprache – eines einzigartigen Idioms der indogermanischen Familie – eine entscheidende Wende. Bis dahin auf die mündliche Überlieferung und die Erfordernisse fremdsprachiger Gottesdienste beschränkt, fand das armenische Wort dank des meisterhaften Werks des heiligen Mesrop Maschtoz sein eigenes visuelles Abbild. Dieses originäre Schriftsystem, ein wahrer Pfeiler der Identität, der über mehr als sechzehn Jahrhunderte hinweg Bestand hat, verkörpert bis heute das lebendige Gedächtnis der armenischen Nation – von antiken Pergamenten bis in den modernen digitalen Raum.
Eine geistige und intellektuelle Entstehung
Zu Beginn des 5. Jahrhunderts, ein Jahrhundert nach der offiziellen Einführung des Christentums im Jahr 301, fiel es dem Glauben schwer, in einigen Provinzen wie Goltn tiefe Wurzeln zu schlagen. Religiöse Zeremonien fanden damals auf Griechisch oder Syrisch statt, zwei Sprachen, die der Mehrheit des Volkes, das an alten Bräuchen festhielt, unzugänglich waren. Angesichts dieser Tatsache verständigte sich der Mönch und Linguist Mesrop Maschtoz mit dem Katholikos Sahak Partev auf die dringende Notwendigkeit, dem Armenischen eigene Buchstaben zu geben. Unterstützt mit Hingabe von König Wramschapuh, wurde dieses kulturelle und geistliche Unternehmen Gegenstand einer Generalversammlung.
Ein erster Versuch stützte sich auf die «Daniel-Schriftzeichen», ein Schriftsystem, das von einem syrischen Bischof überliefert worden war. Maschtoz bemühte sich, sie zu lehren, doch der Versuch erwies sich als erfolglos: Diese Zeichen waren ausserstande, das reiche phonetische Spektrum der Sprache präzise wiederzugeben. Maschtoz machte sich daraufhin zusammen mit Schülern auf den Weg zu den damaligen geistigen Zentren, Edessa und Samosata. In den Kanzleien und Handschriftensammlungen von Edessa prüfte er die bekannten Alphabete. In Samosata vollendete er schliesslich den Entwurf der Zeichen mit Unterstützung des griechischen Kalligrafen Hrophanos.
Dort wurde auch der allererste Satz in geschriebener armenischer Sprache, dem Grabar, niedergeschrieben, der aus dem Buch der Sprüche Salomos stammt: «Um Weisheit und Zucht zu erkennen, um verständige Worte zu begreifen». Die Bibel wurde so zum ersten grossen Text, der vollständig ins Armenische übersetzt wurde.
Phonetische Präzision und ein mathematisches Modell
Das von Maschtoz entworfene Armenische Alphabet umfasste ursprünglich sechsunddreissig Buchstaben: sieben Vokale und neunundzwanzig Konsonanten. Horizontal von links nach rechts geschrieben, unterscheidet diese bikamerale Schrift zwischen Klein- und Grossbuchstaben. Maschtoz liess sich teilweise vom griechischen Alphabet inspirieren, von dem er die allgemeine Ausrichtung und die geordnete Strenge übernahm, schuf jedoch spezifische Glyphen, um die dem Armenischen eigenen Konsonanten auszudrücken – insbesondere das System der dreifachen Artikulation, das stimmhafte, stimmlose und aspirierte Konsonanten gegenüberstellt.
Im Laufe der Jahrhunderte bereicherte sich das Schriftinventar: Im 11. und 13. Jahrhundert wurden die Buchstaben Օ (ō, hervorgegangen aus dem Diphthong aw) und Ֆ (f) hinzugefügt, um phonetische Entwicklungen und Fremdwörter aufzunehmen, womit der Bestand auf achtunddreissig Zeichen anwuchs. In den 1920er-Jahren führte die in Sowjetarmenien durchgeführte Rechtschreibreform die Ligatur և (ew) als eigenständigen Buchstaben ein, was in der reformierten Rechtschreibung zu neununddreissig Buchstaben führte, während die Gemeinschaften der westlichen Diaspora und die Armenier im Iran die klassische Rechtschreibung beibehielten.
Das maschtotzische Alphabet stellte zudem ein Zahlsystem von seltener Präzision dar, das bis ins 17. Jahrhundert verwendet wurde. Die ursprünglichen sechsunddreissig Buchstaben waren in vier verschiedene Gruppen unterteilt: Die ersten neun entsprachen den Einern (von Ա bis Թ), die folgenden den Zehnern (von Ժ bis Ղ), die dritte Reihe den Hundertern (von Ճ bis Ջ) und die vierte den Tausendern (von Ռ bis Ք). Um die Myriade (zehntausend) und ihre Vielfachen bis zu neunzig Millionen zu bezeichnen, wurde ein Zeichen namens Byur (^) über die Buchstaben gesetzt.
Das System wird von einer originellen Zeichensetzung begleitet, bei der sich die Intonation direkt im Wort widerspiegelt: Das Fragezeichen (Hartsakan Nschan), das Ausrufezeichen (Bazagantschakan Nschan) und der Akzent (Schescht) werden direkt über den betonten Vokal gesetzt. Die Satzzeichensetzung verwendet das Werdjaket (։) für das Satzende und das Midschaket (․) für eine mittlere Pause, während das Patiw oder Badiw (՟), was mit «Ehre» übersetzt wird, in liturgischen Texten zur Kennzeichnung abgekürzter Begriffe diente.
Die Kunst des Strichs: Vom Stein zum Pergament
Die armenische Schreibkunst prägte sich im Mittelalter in mehreren Hauptstilen aus: - Das Erkatagir («Eisenschrift»): Eine majestätische Unziale, die mit dem Griffel oder Eisengallustinte gezogen wurde, vom 5. bis zum 13. Jahrhundert vorherrschend war und bevorzugt für monumentale Steininschriften wie jene der St.-Sarkis-Kirche von Tekor aus den 480er-Jahren verwendet wurde. - Das Bolorgir («Rundschrift»): Eine kompaktere Schrift, die ab dem 10. Jahrhundert aufkam, sich ab dem Ende des 13. Jahrhunderts durchsetzte und ab dem 16. Jahrhundert zur Hauptdruckschrift des armenischen Buchdrucks wurde. - Das Notrgir («Minuskelschrift»): Eine zügige Kursivschrift, die gegen Ende des Mittelalters entstand und in der Diaspora vom 16. bis zum 18. Jahrhundert weit verbreitet war. - Das Tscheghagir: Eine Schrägschrift, die die moderne armenische Kursivschrift inspirierte.
Zu diesem typografischen Reichtum kommt die Pracht der in den Buchmalerei-Werkstätten entwickelten Zierminuskeln und Schmuckinitialen, das Zardagir, hinzu. Mittelalterliche Kopisten schmückten die Kapitelanfänge mit Trschnagir (aus verschlungenen Vögeln gebildete Buchstaben), Zachkagir (florale Motive), Wischapagir (fabelhafte Drachen) oder Mardagir (menschliche Figuren).
Ein bewahrter und gefeierter Schatz
Dank des unablässigen Wirkens der armenischen Kirche und der klösterlichen Skriptorien – von Wagharschapat bis Sanahin, vom Kloster Tatew bis Gladsor – haben über 30 000 handschriftliche Zeugnisse die Zeiten überdauert, darunter 25 000 vollständige Kodizes. Die bedeutendsten Sammlungen befinden sich heute im Matenadaran in Jerewan und im Kloster der Mechitaristen auf der Insel San Lazzaro in Venedig.
Die Flexibilität und Präzision dieser Schrift ermöglichten es ihr im Laufe der Jahrhunderte, auch andere Sprachen des Orients und Osteuropas niederzuschreiben – wie etwa das Armeno-Kiptschakische in Podolien und Galizien, das Kurdische im Sowjetarmenien der 1920er-Jahre oder das osmanische Türkisch, was durch über 2000 gedruckte Werke belegt ist. Im Dezember 2019 erreichte die Würdigung dieses Erbes einen neuen historischen Meilenstein mit der Eintragung von «Die armenische Buchstabenkunst und ihre kulturellen Ausdrucksformen» in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO.
Quellen
- Alphabet arménien (Wikipedia fr)
- Armenian alphabet (Wikipedia en)
- Հայերենի այբուբեն (Wikipedia hy)
- Армянский алфавит (Wikipedia ru)
- Armenian letter art and its cultural expressions (UNESCO)
- Armenisches Alphabet (Wikipedia de)
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