Die Kunst der Chatschkare: Wenn der armenische Stein zum Lebensbaum wird
Aus dem Französischen übersetzt
Als emblematische Besonderheit der armenischen Kunst wird der Chatschkar (auf Armenisch xač‘k‘ar, zusammengesetzt aus xač‘, das Kreuz, und k‘ar, der Stein) nicht mit «Steinkreuz», sondern ganz genau mit «Kreuzstein» übersetzt. Diese sprachliche Nuance spiegelt seine materielle Realität wider: Es handelt sich um eine rechteckige oder gewölbte Stele, die gewöhnlich aus lokalem Gestein wie Tuff, Basalt, Andesit oder Sandstein gehauen ist und auf deren nach Westen ausgerichteter Schauseite sich ein oder mehrere im Flachrelief gearbeitete Kreuze entfalten.
In freier Natur aufgerichtet, mithilfe eines Zapfens auf einem Sockel befestigt, in die Mauern von Heiligtümern eingelassen oder direkt in den Fels gehauen, messen diese Werke meist zwischen 1,5 und 2 Meter Höhe. Sie haben die Jahrhunderte als Zeugen des Glaubens, der Geschichte und der Identität des armenischen Volkes überdauert.
Ein Lebensbaum: in die Materie gemeisselte Theologie
Der Chatschkar verkörpert die Christologie der Armenischen Apostolischen Kirche, wie sie im 8. Jahrhundert unter dem Katholikos Howhannes III. von Odsun gefestigt wurde. Im Gegensatz zur Tradition anderer christlicher Konfessionen zeigt die Stele nicht die Marter oder den leiblichen Tod Christi, sondern bekräftigt seine göttliche Natur und seinen Sieg über den Tod. Der Rechtsgelehrte Mchitar Gosch hob diese Besonderheit bereits hervor: «Die Griechen und die Georgier ehren mehr die Bilder, die Armenier das Kreuz».
Das armenische Kreuz wird so zu einem wahren Lebensbaum, einem himmlischen Zeichen namens nšan. Seine Arme weiten sich, und ihre Enden verwandeln sich mitunter in Kleeblätter, die an die pflanzliche Natur des Holzes erinnern, während an seinem Fuss symmetrische Blätter aufblühen, die sich in Voluten einrollen. Im Bildaufbau schlägt die Stele eine vertikale Brücke: Der untere Bereich, der mit der irdischen Welt, der Vergangenheit und dem Leben des Menschen verbunden ist, trifft auf die obere, himmlische und göttliche Sphäre. Weintrauben, Granatäpfel und komplexe Netzwerke durchgehender Flechtwerkornamente erzeugen eine Illusion der Unendlichkeit. Im Volksglauben heisst es sogar, der Chatschkar berge einen Splitter des Wahren Kreuzes.
Während die meisten Stelen eine Votivfunktion erfüllen – indem sie das Seelenheil des Stifters und seiner Angehörigen erbitten –, feiern andere eine Gründung, einen Sakralbau oder einen militärischen Erfolg. Seltener haben manche eine apotropäische Rolle (tsasman), aufgestellt, um Dämonen abzuwehren oder vor Naturkatastrophen zu schützen.
Von den Bagratiden zum mittelalterlichen goldenen Zeitalter
Die Geschichte der Kreuzsteine gliedert sich in vier grosse Phasen. Einige Autoren, insbesondere jene, die in der sowjetischen Epoche ausgebildet wurden, führen die aufgerichtete Stele auf eine lange Tradition zurück, die bis zu den Wischap-Steinen, den frühchristlichen Stelen und den Säulen der vorarabischen Zeit reicht; ihre Ursprünge bleiben jedoch ungewiss. Die ersten echten Chatschkare entstanden im 9. Jahrhundert im Zuge des nationalen Wiederauflebens unter der Dynastie der Bagratiden nach der Befreiung vom arabischen Joch. Als der am häufigsten genannte älteste datierte Chatschkar gilt jener, der 879 in Garni von Königin Katranide, der Gemahlin von König Aschot I., errichtet wurde, auch wenn ein auf 876 datierter Chatschkar (Hortun) sowie in der Region Martakert der Sockel eines verschollenen Chatschkars mit dem Datum 853 bekannt sind.
Die Kunst des Chatschkars erreichte ihren Höhepunkt zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert. Während dieser Periode aussergewöhnlicher technischer Virtuosität führten die Steinmetzmeister Drillbohrer und Meissel mit einer Feinheit, die an Spitze erinnert. Berühmte Meister sind mit Meisterwerken verbunden: Timot und Mchitar, denen wahrscheinlich jener von Geghard (1213) zugeschrieben wird, Poghos in Goschawank (1291), Momik in Wajoz Dsor oder Wahram in Haghpat (1273). Letzterer schuf einen bemerkenswerten Amenap‘erkič‘ («Allerlöser»), einen seltenen Typus, der die Kreuzigung oder die Kreuzabnahme darstellt und dem die Volksfrömmigkeit heilende Kräfte zusprach.
Regionale Werkstätten bildeten ihre Besonderheiten heraus: Die Schule von Arzach, beispielsweise in Dadiwank und Gtitschawank, gestaltete Tatzenkreuze auf einem Rankengrund in feinkörnigem Tuff. Nach einer Verlangsamung infolge der seldschukischen und später der mongolischen Invasionen erlebte die Kunst im 16. und 17. Jahrhundert einen erneuten Aufschwung, der insbesondere durch die Werke in Sjunik oder die schlanken Chatschkare des grossen Friedhofs von Dschulfa belegt wird.
Ein bedrohtes und von der UNESCO anerkanntes Kulturerbe
Im Lauf der Jahrhunderte bildete der Chatschkar auch ein schriftliches Gedächtnis. Seine sorgfältigen Inschriften in Unzialschrift (erkatagir), bisweilen im Relief gemeisselt, nennen die Identität der Bildhauer, das Errichtungsjahr oder Schenkungen und stellen wertvolle historische sowie linguistische Dokumente dar.
Einst über das gesamte historische Armenien verstreut, erlitten diese Werke unermessliche Verluste. Zwischen 1998 und 2005 wurde der mittelalterliche Friedhof von Dschulfa in Nachitschewan, der noch fast 3000 Stelen aus rotem Tuff zählte (gegenüber einst rund 10'000), bei einer von der Regierung Aserbaidschans geplanten Aktion vollständig zerstört und dem Erdboden gleichgemacht. Chatschkare sind auch in Bergkarabach das Ziel systematischer Zerstörungen durch Aserbaidschan. In der Türkei haben nur wenige Exemplare die systematische Auslöschung überlebt, die seit dem Völkermord an den Armeniern betrieben wurde. Beschädigungen und Versuche kultureller Auslöschung sind auch in Georgien in der Region Dschawachetien zu verzeichnen.
Um dieses Erbe zu schützen und zu würdigen, hat die UNESCO am 17. November 2010 «Die armenische Kunst der Kreuzsteine. Symbolik und Handwerk der Chatschkare» in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingetragen. In der Republik Armenien, wo Schätzungen zufolge noch rund 40'000 Exemplare erhalten sind – darunter die bemerkenswerte Ansammlung auf dem Friedhof von Noratus am Ufer des Sewansees –, gelten Chatschkare per Gesetz als unveräusserliche Kulturgüter.
Eine lebendige Tradition, die bis nach Auvergne-Rhône-Alpes strahlt
Weit davon entfernt, eine erloschene Praxis zu sein, wird das Schaffen von Chatschkaren seit den 1960er-Jahren wiederbelebt. In einigen Vierteln von Jerewan kann man noch heute Chatschkar-Bildhauer antreffen, die ein vom Meister an den Lehrling oder innerhalb der Familie weitergegebenes Wissen bewahren. Die armenische Diaspora hat diese Stelen über die ganze Welt verbreitet, insbesondere um den Verstorbenen zu gedenken und an die Opfer des Völkermords zu erinnern. In Frankreich stehen gemäss einer Zählung fast dreissig Chatschkare im öffentlichen Raum.
Diese lange Tradition prägt weiterhin die Erinnerungen und den Raum. Menschen, die dieser jahrtausendealten Kultur verbunden sind, sind zu einem feierlichen Anlass eingeladen: der Zeremonie «Segnung des KHATCHKARS in Saint-Chamond», die am 18. Oktober 2026 in Auvergne-Rhône-Alpes stattfinden wird.
Quellen
- Khatchkar (Wikipedia fr)
- Khachkar (Wikipedia en)
- Chatschkar (Wikipedia de)
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